Wer die Gewässer rund um das Resort Barefoot Kuata auf den Fidschi-Inseln besucht, erlebt nachhaltigen Meerestourismus hautnah. Meeresbiologen des Resorts fahren täglich aufs Meer hinaus, um eines der größten Probleme für Korallenriffe in der Region zu bekämpfen: den Dornenkronen-Seestern. Was steckt hinter diesem Tier, das ganze Riffe vernichten kann? Und warum ist seine Kontrolle so wichtig?

Was ist der Dornenkronen-Seestern?

Foto: Dlf Nova

Der Dornenkronen-Seestern (Acanthaster planci) gehört zu den beeindruckendsten und gefährlichsten Meerestieren des Indopazifiks. Seinen Namen verdankt er den langen, spitzen Giftstacheln auf seiner Oberseite, die an die biblische Dornenkrone erinnern. Er ist einer der größten Seesterne der Welt: Mit 6 bis 23 Armen und einem Durchmesser von bis zu 40 Zentimetern, in Ausnahmefällen sogar bis zu 80 Zentimetern von Armspitze zu Armspitze, ist er kaum zu übersehen. [1, 2] Die Stacheln auf seiner Oberfläche sind 4 bis 5 Zentimeter lang, spitz und giftig. Bei Berührung können sie beim Menschen starke Schmerzen, Übelkeit und Lähmungserscheinungen auslösen, und Wunden heilen durch das Gift nur langsam. [3]

Optisch ist der Seestern je nach Region sehr unterschiedlich gefärbt: In Thailand und auf den Malediven erscheint er blauviolett, am Great Barrier Reef eher beige bis grau oder rot, auf Hawaii grün und rot. [4]

Wie ernährt sich der Dornenkronen-Seestern?

Die Ernährungsweise des Dornenkronen-Seesterns ist so faszinierend wie erschreckend. Er frisst ausschließlich Steinkorallen. Dazu klettert er auf eine Koralle, stülpt seinen Magen durch den Mund nach außen und drückt ihn direkt über die lebenden Polypen. Dann gibt er Verdauungsenzyme ab, die das Korallengewebe verflüssigen, und saugt es auf. Was nach etwa drei Stunden übrig bleibt, ist ein weißer, kahler Fleck aus nacktem Kalkskelett.

Er frisst bevorzugt nachts und ist dabei sehr gründlich. Ein einzelnes Tier kann pro Jahr eine Korallenfläche von bis zu sechs Quadratmetern vernichten. [1]

Fortpflanzung: Ein Tier, Millionen Nachkommen

Was den Dornenkronen-Seestern so gefährlich macht, ist nicht nur sein Appetit, sondern auch seine enorme Fortpflanzungsrate. Die Vermehrung findet geschlechtlich statt: Weibchen und Männchen setzen Eier und Spermien gleichzeitig ins freie Wasser. Die Befruchtung erfolgt außerhalb des Körpers. Ein Weibchen kann dabei bis zu 60 Millionen Eier pro Saison ins Wasser abgeben. [5] Aus den befruchteten Eiern schlüpfen zunächst Planktonlarven, die sich von Mikroalgen und Phytoplankton ernähren. Nach mehreren Wachstumsphasen setzen sich die Larven auf einem festen Untergrund ab und verwandeln sich in kleine, fünfarmige Seesterne. Ab einem Alter von etwa zwei Jahren sind sie selbst geschlechtsreif. [2, 5]

Wenn aus einem Tier eine Plage wird

Foto: pa/cul kno

In normalen Mengen sind Dornenkronen-Seesterne Teil des natürlichen Gleichgewichts. Da sie bevorzugt die am schnellsten wachsenden Korallenarten fressen, tragen sie in kleiner Zahl sogar zur Artenvielfalt im Riff bei, weil langsamere Arten so mehr Raum bekommen. [6] Kritisch wird es, wenn die Population explodiert. Ab mehr als 15 bis 30 Tieren pro Hektar Rifffläche spricht man von einem Ausbruch. Dann werden Korallen schneller vernichtet als sie nachwachsen können. Hunderttausende Seesterne können ein Riff gleichzeitig überfallen und eine vollständige Korallenlandschaft in kürzester Zeit in einen weißen, leblosen Fleck verwandeln. [2, 6] Das Ausmaß solcher Ausbrüche ist beängstigend: In den 1960er Jahren wurden an der Nordwestküste von Guam innerhalb weniger Monate 90 % aller Korallen abgefressen. Am Great Barrier Reef dauerte ein Ausbruch in den 1970er Jahren ganze acht Jahre an. [3]

Im Indopazifik zählt der Dornenkronen-Seestern neben der Korallenbleiche und Wirbelstürmen zu den drei größten Bedrohungen für Steinkorallenriffe. [1]

Warum vermehren sich die Seesterne so stark?

Die genauen Ursachen für Massenausbrüche sind noch nicht vollständig geklärt, aber die Forschung deutet auf mehrere zusammenwirkende Faktoren hin:

  • Verlust natürlicher Fressfeinde: Der Dornenkronen-Seestern hat nur wenige natürliche Feinde, darunter das Tritonshorn (Charonia tritonis), eine große Meeresschnecke, sowie Rifffische wie der Napoleon-Lippfisch und der Riesen-Drückerfisch. Das Tritonshorn wird jedoch wegen seines imposanten Gehäuses vielerorts gesammelt und ist in vielen Regionen fast ausgerottet. Gleichzeitig sorgt Überfischung dafür, dass immer weniger Fressfeinde im Meer vorhanden sind. [1, 4]
  • Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft: Düngemittel, die über Flüsse ins Meer gespült werden, fördern das Wachstum von Algen. Diese Algen sind die Hauptnahrung der Seesternlarven. Mehr Algen bedeutet bessere Überlebensbedingungen für Larven und damit mehr ausgewachsene Seesterne. [1]

Neue Forschungsergebnisse: Eine Studie der University of Queensland zeigt zudem, dass Larven des Dornenkronen-Seesterns die giftigen Cyanobakterien Trichodesmium fressen und dabei gut gedeihen. Der beobachtete Anstieg dieser Cyanobakterien im Meer könnte ebenfalls zur Zunahme von Ausbrüchen beitragen. [7]

Wie schnell kann ein Riff zerstört werden? Das Beispiel Great Barrier Reef

Ein einzelner Dornenkronen-Seestern frisst pro Tag ein Stück Koralle von der Größe einer Faust. Auf ein Jahr gerechnet vernichtet er dabei zwischen 6 und 10 Quadratmeter Riff. Klingt überschaubar, bis man bedenkt, wie groß eine Kolonie werden kann. [2, 9]

Das bislang bekannteste und am besten dokumentierte Beispiel ist der Ausbruch am nördlichen Great Barrier Reef in den 1970er Jahren. Auf dem Höhepunkt der Plage lebten rund 1.000 Dornenkronen pro Hektar Rifffläche. Der Ausbruch dauerte acht Jahre an und hinterließ weite Teile des Riffs als weiße Knochenlandschaft. [2] Seither hat das Great Barrier Reef in weniger als 30 Jahren knapp 50 % seiner gesamten Korallendecke verloren. Der Dornenkronen-Seestern ist dabei für rund 42 % der gesamten Riffschäden verantwortlich, mehr als Korallenbleiche und Stürme zusammen. [10, 9]

Bei einem aktiven Massenausbruch können die Seesterne in einem betroffenen Riffabschnitt zwischen 40 und 90 % des lebenden Korallengewebes vernichten, und das innerhalb weniger Monate. [10]

Bekämpfung: Von der Giftspritze zum Roboter

Da eine natürliche Regulierung in vielen Gebieten nicht mehr ausreicht, greifen Menschen aktiv ein. Die Methoden haben sich im Laufe der Jahre weiterentwickelt:

  • Taucher mit Injektionen: Lange Zeit wurden Dornenkronen-Seesterne von Tauchern einzeln mit Giftinjektionen bekämpft. Zunächst musste dabei jeder Arm einzeln gespritzt werden, was einen enormen Aufwand bedeutete. Eine neuere Methode nutzt einen Wirkstoff auf Ochsengalle-Basis: Eine einzige Injektion in einen einzigen Arm genügt, damit sich der Seestern innerhalb von zwölf Stunden vollständig zersetzt. So kann eine einzelne Person statt früher 70 nun bis zu 300 Seesterne pro 40-minütigem Tauchgang bekämpfen. [1]
Foto: Daniel Schultz/dpa
  • Roboter als Zukunft der Riffrettung: Forscher der Queensland University of Technology (QUT) haben in Zusammenarbeit mit Google und der Great Barrier Reef Foundation den sogenannten RangerBot entwickelt. Das 15 Kilogramm schwere und 75 Zentimeter lange Mini-U-Boot navigiert selbstständig durch Korallenriffe, erkennt Dornenkronen-Seesterne mit einer Genauigkeit von 99,4 % und schießt eine tödliche Injektion aus Essig oder Gallensalz auf sie ab, ohne das Riff dabei zu beschädigen. Der Roboter kann bis zu acht Stunden pro Batterieladung tauchen, auch nachts. [8]
Foto: Queensland University of Technology

Zurück nach Fiji: Warum manuelle Kontrolle so wichtig ist

Nicht überall wird der RangerBot eingesetzt. In vielen Teilen der Welt, darunter auf den Fidschi-Inseln, sind es engagierte Menschen, die täglich ausrücken, um die Seesternpopulationen unter Kontrolle zu halten – so wie die Meeresbiologen von Barefoot Kuata. Ihr Einsatz zeigt, dass Korallenschutz nicht immer Hightech braucht, sondern oft vor allem eines: Konsequenz, Wissen und die Bereitschaft, jeden Tag wieder loszufahren.

Denn solange die zugrundeliegenden Probleme wie Überfischung, Nährstoffeinträge und der Verlust natürlicher Fressfeinde nicht gelöst sind, bleibt die manuelle Kontrolle der Seesternpopulationen eine der wenigen wirksamen Methoden, um bedrohte Riffe zu schützen. [2]


Quellenverzeichnis

#QuelleURL
1Wikipedia – „Dornenkronenseestern“https://de.wikipedia.org/wiki/Dornenkronenseestern
2Stiftung Meeresschutz – „Dornenkronenseesterne: Ihre Auswirkungen auf Korallenriffe“https://www.stiftung-meeresschutz.org/meerestiere/dornenkronenseestern/
3Spektrum.de – Lexikon der Biologie: „Dornenkronen-Seestern“https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/dornenkronen-seestern/19152
4Meerwasser-Lexikon – „Acanthaster planci“https://www.meerwasser-lexikon.de/tiere/2582_Acanthaster_planci.htm
5yubrain.com – „Der Dornenkronen-Seestern“https://www.yubrain.com/de/tiere-und-natur/seesternkrone-der-stacheln/
6science.ORF.at – „Roboter töten gefräßige Seesterne“ (2018)https://science.orf.at/v2/stories/2935688/
7Der Tagesspiegel – „Knabbern am Great Barrier Reef“ (2024)https://www.tagesspiegel.de/wissen/knabbern-am-great-barrier-reef-giftige-blaualgen-und-hungrige-seesternlarven-12054203.html
8studium.at – „Dornenkronen-Plage in Australien: Roboter tötet gefräßige Seesterne“ (2018)https://www.studium.at/dornenkronen-plage-australien-roboter-toetet-gefraessige-seesterne
9tierwelt.ch – „Riffrettung mit Robotern und Riesenschnecken“ (2019)https://www.tierwelt.ch/artikel/wildtiere/riffrettung-mit-robotern-und-riesenschnecken-408524
10koralle-magazin.de – „Dramatisches Korallensterben im Great Barrier Reef“https://www.koralle-magazin.de/reefmix/137-dramatisches-korallensterben-im-great-barrier-reef